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Bernhard Lohr – Die Stimme für den Regenwald

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Der Günzburger Bernhard Lohr macht auf die Zerstörung der tropischen Regenwälder aufmerksam.
Bild: Bernhard Weizenegger

Der Günzburger Arzt und Biologe hat sich in Borneo umgesehen und gefilmt, was rücksichtslose Umweltzerstörung für Folgen hat. Auszüge seiner beeindruckenden Rede.

Von Bernhard Lohrs Dokumentarfilm, der die Zerstörung des Regenwaldes in Borneo zeigt, war Claudia Roth sichtlich beeindruckt; so sehr, dass die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags den Film des Günzburger Arztes wenige Wochen später dem Dalai Lama geschenkt hat.

Imposant ist das Engagement Lohrs für den Regenwald und die Orang-Utans in Borneo. Und hörenswert war auch das, was er beim „Regenwaldkino“ in Offingen im September zu sagen hatte. Für diejenigen, die an diesem Abend nicht dabei waren, veröffentlichen wir in weiten Auszügen seine eindringliche Rede. Für mich war das die „Rede des Jahres 2017“, die im Landkreis Günzburg gehalten wurde. Sie verdeutlicht, welche Auswirkungen auf uns die Zerstörung der Natur haben kann, die doch so fern der eigenen Heimat geschieht. Und sie zeigt, dass Gleichgültigkeit zu keiner erstrebenswerten Lösung führt. Nachfolgend die Dokumentation der Rede:

„Heute möchten wir nicht nur die Faszination und Bedeutung des tropischen Regenwaldes deutlich machen – heute werden wir Zusammenhänge aufzeigen. Zusammenhänge, die nicht bequem für uns sind. Zusammenhänge, die deutlich machen, dass diese Wälder zwar weit von uns entfernt sind, wir hier in Mitteleuropa, in Bayern, in Offingen aber nichtsdestotrotz großen Einfluss auf das Schicksal dieser Wälder haben beziehungsweise umgekehrt natürlich auch unser Wohlergehen vom Erhalt dieses einzigartigen Waldökoystems abhängig ist.

„Die Schlacht wird nicht nur in unseren Herzen geschlagen“

Viele von Ihnen waren bereits Gäste auf einer unserer Regenwald-Nächte, die wir unter anderem. mit Diana Damrau und auch mit den Schauspielern Michael Mendl und Hannes Jaenicke durchgeführt haben. Wir wollten unsere Zuschauer im Herzen berühren, und mit der wunderbaren und einzigartigen Diana Damrau als Botschafterin für den Regenwald ist uns dies auch gelungen. Die Schlacht für die Rettung des tropischen Regenwaldes, sie wird aber nicht nur in unseren Herzen geschlagen. Die entscheidende Bühne für das Schicksal des Regenwaldes ist das politische Parkett. Aber über Naturschutz im Allgemeinen und Regenwaldschutz im Speziellen wird kaum oder gar nicht gesprochen. Wieso eigentlich? Klimawandel, Verschmutzung der Meere, globales Artensterben: Geht uns dies nichts an?

Wer in der Lage ist, mehr als ein Jahrzehnt in die Zukunft zu denken, muss erstmals in der Geschichte zu der Überzeugung gelangen, dass es jetzt ums Ganze geht. Unsere Bevölkerung, derzeit sieben Milliarden Menschen, in Bälde zehn Milliarden, ist eindeutig zu groß, damit alle in Sicherheit und Wohlstand leben können. Allmählich wird das Trinkwasser knapp, die menschlichen Aktivitäten verschmutzen zunehmend Atmosphäre und Meere.

Das Klima verändert sich zuungunsten des Lebens, und für viele, ja sehr viele Arten hat das letzte Stündlein bereits geschlagen. Das sind nicht meine Worte, sondern die des bedeutendsten Biologen unserer Zeit, E. O. Wilson.

Dieser Wissenschaftler und Publizist hat in seinem jüngsten Buch geschrieben, dass Naturschutz die zentrale Überlebensfrage der Art Homo sapiens ist. Um weiter mit den Worten von E.O. Wilson zu sprechen: Die menschengemachten Probleme sind global und greifen immer weiter um sich, und der Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, kommt unaufhaltsam näher – Flickschusterei hilft da nicht mehr weiter. Das Wasser für die Landwirtschaft, für den brandgerodeten Regenwald als Anbaufläche für Sojabohnen und Palmölplantagen wird knapp; die Kapazität der Atmosphäre, überschüssiges Kohlendioxid aufzunehmen, ist klar begrenzt. Die Umweltbilanz aller menschlichen Aktivitäten ist negativ, die Biosphäre wird immer labiler und unsere langfristige Zukunft immer ungewisser, so Wilson.

„Naturschutz ist wahrlich kein Luxusproblem“

Folgt man diesem großen Denker des 20. Jahrhunderts, ist es wahrlich kein Luxusproblem, sich mit Naturschutz auseinanderzusetzen. Oder anders formuliert: Naturschutz spielt völlig zu Unrecht ein Schattendasein in der politischen Diskussion, in der öffentlichen Wahrnehmung.

Uns Menschen kommt auf diesem Planeten eine besondere Verantwortung zu. Wir sind eine von vermutlich zehn Millionen auf diesem Planeten vorkommender Arten. Aber irgendwie hat die Evolution es gut mit uns gemeint und uns mit einem Gehirn ausgestattet, das es uns erlaubt, über unsere Handlungen und Entscheidungen zu reflektieren. Wir können und sollten darüber reflektieren, dass jede unserer Konsumentscheidungen einen Verbrauch von Umwelt und Natur bedeutet und dass wir mit jeder dieser Entscheidungen, den Lebensraum und damit die Lebens-, ja Überlebensmöglichkeit anderer Arten einschränken oder im schlimmsten Fall auch zerstören.

Sie werden in der Dokumentation „The Final Cut“ Maja und Momo kennenlernen, zwei Waldmenschen, deren Schicksal exemplarisch dafür steht, wie ihre gesamte Art, in diesem Fall die Orang-Utans, durch die Ansprüche ihrer nächsten Verwandten – uns Menschen – an den Rand der Ausrottung gedrängt wird. Das Schicksal der Orang- Utans wiederum steht exemplarisch für viele weitere Millionen Tier- und Pflanzenarten, die wir bereits ausgerottet haben beziehungsweise die kurz vor dem endgültigen Verschwinden stehen.

Evolutionsgeschichte am Endpunkt

Unser Planet ist einzigartig. Ein Großteil des Lebens auf unserer Erde hat seine Heimat im Kronendach des tropischen Regenwaldes. Und das wiederum bedeutet: Mit dem Untergang dieser Wälder, so wie wir ihn derzeit erleben, ist ein Artensterben bisher ungekannten Ausmaßes verbunden. Jede Art ist ein Wunder an sich, sie hat sich nach einem Tausende oder auch Millionen Jahre andauernden Überlebenskampf in unsere Zeit hinübergerettet. Sie ist die Beste der Besten in ihrer jeweiligen ökologischen Nische, ist sozusagen ein wahrer Champion. Mit dem Aussterben einer Art kommt eine ruhmreiche Evolutionsgeschichte unwiderruflich und endgültig zum Stillstand. Mit dem Verschwinden einer Art werfen wir einen Teil der Erdgeschichte auf die Müllhalde, ganz zu schweigen davon, dass jede dieser verlorenen Pflanzen-, Bakterien-, Pilz- oder Tierarten einen ungeahnten Nutzen für die Menschheit haben könnte.

Jede Art ist einzigartig und mit ihrem Aussterben schließen wir das Buch der wissenschaftlichen Erkenntnis über sie für immer.

Die fast poetische Formulierung dieser letzten Sätze stammen wiederum vom bereits erwähnten E. O. Wilson. Gefühlvoller und eindrucksvoller könnte ich unsere Motivation für den Schutz des tropischen Regenwaldes nicht beschreiben.“