Brauchen wir eine Baumschutzverordnung f√ľr die Stadt G√ľnzburg?

Brauchen wir eine Baumschutzverordnung f√ľr die Stadt G√ľnzburg?

Das war die spannende und hei√ü diskutierte Frage in der Sitzung des G√ľnzburger Stadtrates vom 21.06.2021:

Um es vorwegzunehmen, die Mehrheit des G√ľnzburger Stadtrates (CSU, UWB und FWG sowie der Oberb√ľrgermeister) waren der Meinung: Nein, eine Baumschutz-Verordnung (VO) braucht die Stadt G√ľnzburg nicht. Eine Minderheit, meine KollegInnen Angelika Fischer, Jutta Reiter, Birgit Rembold, Martin Endhardt, Joachim Bandlow (FDP-Fraktion) sowie 4 KollegInnen der SPD-Fraktion und ich selbst waren der Meinung, eine Baumschutz-VO w√§re wichtig, um alte und gro√üe B√§ume in G√ľnzburg zu sch√ľtzen.

Es war eine sehr emotionale Diskussion und deshalb m√∂chte ich an dieser Stelle meine Sicht der Dinge schildern, denn der Schutz von B√§umen und W√§ldern besch√§ftigt und ber√ľhrt mich bereits seit sehr vielen Jahren (siehe www.verein-faszination-regenwald.de bzw. facebookaccount des Vereins Faszination Regenwald e.V.).

Eindrucksvoll ist in einem Bericht der Stadtverwaltung G√ľnzburg zur Vorbereitung einer Baumschutz-VO der √∂kologische Wert einer 100-j√§hrigen Buche dargestellt: Solch ein Kraftwerk der Natur nimmt 6 Tonnen CO2 pro Jahr auf, filtert 1 Tonne Feinstaub aus der Luft (pro Jahr) und erzeugt 4,5 Tonnen Sauerstoff pro Tag (!), um nur einige der √∂kologischen Spitzenleistungen eines derartigen Baumes zu nennen. Ein f√ľr mich sehr wichtiger Aspekt ist in dieser Auflistung nicht enthalten: B√§ume sind ein extrem wichtiger Lebensraum f√ľr sehr viele Tierarten, die bei uns immer seltener werden.

In dem Ma√üe, wie unsere Felder von Monokulturen dominiert werden, schwindet die botanische und zoologische Vielfalt auf unseren Fluren. 75 % weniger an Biomasse von Fluginsekten in 25 Jahren, ein nicht f√ľr m√∂glich gehaltener Schwund an heimischen Vogelarten, das sind die √ľberaus traurigen Entwicklungen in den vergangenen Jahren. In dem Ma√üe, wie unsere Fluren immer lebensfeindlicher f√ľr Insekten und V√∂gel werden, steigt die Bedeutung an Stadtlebensr√§umen.¬† Viele gro√üe St√§dte, z.B. die Stadt M√ľnchen, haben dies erkannt und sich eine Baumschutz-VO gegeben.

In G√ľnzburg stellt solch eine Verordnung nach Meinung vieler der Stadtratsmitglieder, die gegen die Baumschutz-VO gestimmt haben, aber eine ‚ÄěG√§ngelei‚Äú der B√ľrgerInnen dar. In der Tat, es ist eine weitere Verordnung.¬† Ich sehe dies aber nicht als G√§ngelung von m√ľndigen B√ľrgerInnen, sondern es ist aus meiner Sicht geradezu die Aufgabe eines Stadtrates (und aller anderen Formen von Parlamenten), Regeln zu definieren und das v.a. in Bereichen, in denen sich die Dinge nicht von alleine regeln, und dazu z√§hlt insbesondere der Natur- und Klimaschutz. Gerade Aspekte des Umwelt- und Naturschutzes m√ľssen gew√§hlte VolksvertreterInnen im Besonderen mitber√ľcksichtigen, denn B√§ume und alle anderen Mitgesch√∂pfe auf diesem Planeten k√∂nnen ihre Interessen nicht selbst formulieren.

√úber die Notwendigkeit von mehr ‚ÄěGr√ľn‚Äú im Stadtbereich herrschte im Stadtratskollegium Einigkeit. Wie man dann aber den Schutz von alten und gro√üen B√§umen ablehnen kann, bleibt mir ein R√§tsel. Es k√∂nnten ja Ersatzpflanzungen vorgenommen werden, so der Standpunkt einiger KollegInnen. Sicherlich ist so etwas sinnvoll und das unterst√ľtzen wir als GBL/Gr√ľne-Fraktion auch, aber um eine 100-j√§hrige Buche in ihrer Klimawirkung ¬†zu ersetzen, bed√ľrfte es der Anpflanzung von 2000 jungen B√§umen mit einem Kronenraum von 1,5 m¬≥. Aber selbst 2000 Jungb√§ume k√∂nnen nicht in dem Ma√üeden Lebensraum f√ľr Tiere bieten wie die Krone eines alten Laubbaumes.¬† Mit dem F√§llen eines alten Baumes vernichten wir einen langen Zeitraum und dies kann durch nichts ersetzt werden, sowie auch eine ausgestorbene Art f√ľr immer verschwunden ist und durch nichts ersetzt werden kann.

Ein weiteres Argument lautet, eine Baumschutz-VO w√ľrde in die Eigentumsrechte eines Baumbesitzers eingreifen. ¬†Auch dies stimmt, aber Leben ist eben schutzw√ľrdig. Und dieser Schutz l√§sst sich nur mit Gesetzen und Regelungen verwirklichen. Kaum jemand beklagt sich, dass er mit seinen Haustieren nicht machen kann, was er will. Oder anders formuliert: Nur wenige stellen die Sinnhaftigkeit von Tierschutzgesetzen in Frage. Bei B√§umen, die Jahrzehnte und Jahrhunderte ben√∂tigen, um ‚Äěausgewachsen‚Äú zu sein, wird diese Schutznotwendigkeit verneint.

Mir hat es jedes Mal das ‚ÄěHerz zerrissen‚Äú, wenn ich gesehen habe, wie ein Urwaldriese, der Hunderte von Jahren gebraucht hat, um seine majest√§tische Gr√∂√üe zu erreichen, in Minuten gef√§llt wurde, und damit der Lebensraum f√ľr 1000e an Tier- und Pflanzenarten zerst√∂rt wurde.

In G√ľnzburg gibt es keine Urwaldriesen, aber sehr wohl alte und wertvolle B√§ume, die unsere Achtung und unseren Schutz verdient gehabt h√§tten.

Die zentrale √úberlebensfrage des kommenden Jahrzehntes wird sein, ob es uns gelingt, den Klimawandel zu begrenzen. F√ľr abertausende Tier- und Pflanzenarten wird dies aber irrelevant sein, denn aufgrund des Verlustes ihres Lebensraumes werden sie in K√ľrze, so oder so, aussterben.

Trotzdem, Klimawandel und der Schutz von Lebensr√§umen (‚ÄěNaturschutz‚Äú) gehen Hand in Hand. Nirgends wird dieser Zusammenhang deutlicher als beim Schutz von B√§umen und im weiteren Sinne dem von W√§ldern. B√§ume und damit W√§lder sind ein entscheidender ‚ÄěPlayer‚Äú in Sachen Klimageschehen, aber eben auch Lebensraum von Millionen an Tier- und Pflanzenarten.

Gewiss, die Stadt G√ľnzburg, ist u.a. (aber nicht nur) aufgrund der Antr√§ge unserer Fraktion, beileibe nicht unt√§tig in Sachen Klimaschutz. Umso unverst√§ndlicher ist die Entscheidung der Stadtratsmehrheit, diese Chance in Sachen Klima- und Naturschutz nicht ergriffen zu haben und trotz bester fachlicher Vorbereitung durch die Stadtverwaltung keine Baumschutz-VO f√ľrG√ľnzburg auf den Weg gebracht zu haben.

 

Bernhard Lohr ¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬†¬† G√ľnzburg/Oberammergau den 24.06.2021