GĂŒnzburger Zeitung zur zweiten Ausgabe von „Quo vadis – Leben“ am 28.09.2019

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https://www.augsburger-allgemeine.de/guenzburg/Klimawandel-Jeder-Einzelne-muss-sein-Verhalten-ueberpruefen-id55573621.html

GĂŒnzburg

30.09.2019

Klimawandel: Jeder Einzelne muss sein Verhalten ĂŒberprĂŒfen

Klimawandel und Artensterben schreiten rasant vor. Was muss getan werden, um den Planeten und damit die Menschheit zu retten? DarĂŒber wurde bei einer Veranstaltung des GĂŒnzburger Vereins Faszination Regenwald diskutiert.
Bild: Greta Kaiser

Eine Expertenrunde in GĂŒnzburg warnt davor, dass der Menschheit nicht mehr viel Zeit bleibt, um in Sachen Klimaschutz umzusteuern.

VergnĂŒglich war der Abend nicht. DafĂŒr lehrreich und aufrĂŒttelnd. Ging es doch um die zentrale Frage dieser Tage: Wie kann die Menschheit angesichts von Klimawandel, Umweltzerstörung und Artensterben ĂŒberleben? Und es ging um die Frage, was Politik, Gesellschaft und jeder Einzelne tun können und tun mĂŒssen, um auf der Erde zu retten, was noch zu retten ist. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Werde nicht Grundlegendes geĂ€ndert, könnte es schon in wenigen Jahren zu spĂ€t sein. Noch könne umgesteuert werden. Zum Nulltarif und ohne Einschnitte aber sei das nicht zu haben. Das war das Fazit einer Expertenrunde, zu der am Samstagabend der GĂŒnzburger Verein Faszination Regenwald ins Wasserburger Sportheim geladen hatte.

„Wir stehen vor einem Artensterben unbekannten Ausmaßes“, erklĂ€rte eingangs der Vereinsvorsitzende, der GĂŒnzburger Arzt und Biologe Bernhard Lohr. „Verursacht nicht wie frĂŒher durch Naturkatastrophen, sondern durch den Menschen.“ An den Menschen liege es also, nicht zuletzt der „rĂŒcksichtslosen PlĂŒnderung der Ressourcen mit ihren vielfĂ€ltigen Folgen“ Einhalt zu gebieten. Das aber sei nur möglich, wenn auch „unbequeme Wahrheiten“ zur Kenntnis genommen wĂŒrden.

Wenn ein Ökosystem kippt, dann kippen auch andere

So etwas wie Symboltiere fĂŒr das Artensterben sind Affen, BĂ€ren oder Nashörner. Auch sie sind Teil komplexer ökologischer Systeme. Mindestens ebenso wichtig sind kleinste Tiere in Wald und Flur, in FlĂŒssen und Meeren. „Sie sind die Lebensgrundlagen“, erklĂ€rte Prof. Michael Schrödl von den Zoologischen Staatssammlungen in MĂŒnchen. Gehe das schleichende Artensterben rund um den Globus im bisherigen Maße weiter, werde das auch fĂŒr die Menschen hierzulande gravierende Folgen haben – in Form von anhaltenden Hitze- und DĂŒrreperioden, Überschwemmungen und StĂŒrmen. Der Artenforscher: „Kippt ein Ökosystem, kippen auch andere.“

In Bayern leben nach Angaben Schrödls mindestens 40 000 Tierarten. 30 bis 40 Prozent seien akut gefĂ€hrdet oder kurz vor dem Aussterben. Verursacht nicht zuletzt durch die intensive Landwirtschaft und eine ebensolche Forstwirtschaft. Weltweit sind etwa 1,5 Millionen Tierarten bekannt, vermutlich gebe es um die 100 Millionen. „Sie werden aussterben, noch ehe sie bekannt oder erforscht sind“, betonte Schrödl. Vor allem in den RegenwĂ€ldern, die zugunsten billigen Fleisches oder des Palmöls immer stĂ€rker gerodet werden.

Das von der Bundesregierung verabschiedete Klima-Paket reiche „hinten und vorne“ nicht. Es mĂŒsse deutlich mehr geschehen. Und jeder mĂŒsse sein Konsumverhalten ĂŒberprĂŒfen: weniger Fleisch, weniger fliegen, weniger Auto fahren und weniger Plastik. Bei alldem gehe es lĂ€ngst nicht mehr um die Lebensgrundlagen der Enkel oder noch spĂ€terer Generationen. Es gehe um das Hier und Heute.

Lehrerin Verena Brunschweiger erntete fĂŒr ihr Buch heftige Kritik

Heftige Reaktionen hatte die promovierte Lehrerin Verena Brunschweiger mit ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos“ ausgelöst. Der Verzicht auf (viele) Kinder sei der „grĂ¶ĂŸtmögliche individuelle Beitrag“ zur Rettung des „im Sterben liegenden Planeten“, erklĂ€rte sie. In den EntwicklungslĂ€ndern mĂŒsse der Zugang zu VerhĂŒtungsmitteln verbessert werden. Tatsache aber sei, dass ein deutsches oder europĂ€isches Kind das 30-fache eines afrikanischen Kindes verbrauche. Bei der Familienplanung sei sehr wohl die Frage zu stellen: In welcher Welt werden die Kinder leben?

Benni Over sitzt im Rollstuhl. Er leidet an Muskelschwund, hatte vor Jahren einen Herzstillstand, er braucht ein BeatmungsgerĂ€t und das Sprechen fĂ€llt ihm schwer. Der 29-JĂ€hrige hĂ€tte also andere Probleme, als sich um den Schutz der Orang-Utans auf Borneo zu kĂŒmmern. Doch genau das tut er zusammen mit seinen Eltern.

Benni Over engagiert sich fĂŒr Orang-Utans auf Borneo

Vater Klaus Over berichtete, dass aus der ersten Faszination fĂŒr die Waldmenschen genannten Affen lĂ€ngst ein umfassendes Naturschutzprojekt mit BĂŒchern, Filmen und bis zu 40 Veranstaltungen pro Jahr an Schulen, UniversitĂ€ten und anderen Einrichtungen geworden ist. Je mehr er ĂŒber die dramatische Lage des Planeten wisse, desto hĂ€ufiger denke er: „Was machen wir fĂŒr eine Scheiße?“

Die von Bernhard Lohr und Birgit Fahr moderierte Diskussion endete mit einem versöhnlichen Ausblick. Kinder und Jugendliche seien mit ihrem erkennbar verĂ€nderten Bewusstsein die Hoffnung, erklĂ€rte Michael Schrödl. Es mĂŒsse gelingen, etwa „Fridays for Future“ zur Massenbewegung zu machen. „Dann ist noch was zu retten.“