GĂŒnzburger Zeitung vom 31.12.2017: Bernhard Lohr – die Stimme des Regenwaldes.

GĂŒnzburger Zeitung vom 31.12.2017: Bernhard Lohr – die Stimme des Regenwaldes.

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Bernhard Lohr – Die Stimme fĂŒr den Regenwald

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Der GĂŒnzburger Bernhard Lohr macht auf die Zerstörung der tropischen RegenwĂ€lder aufmerksam.
Bild: Bernhard Weizenegger

Der GĂŒnzburger Arzt und Biologe hat sich in Borneo umgesehen und gefilmt, was rĂŒcksichtslose Umweltzerstörung fĂŒr Folgen hat. AuszĂŒge seiner beeindruckenden Rede.

Von Bernhard Lohrs Dokumentarfilm, der die Zerstörung des Regenwaldes in Borneo zeigt, war Claudia Roth sichtlich beeindruckt; so sehr, dass die VizeprĂ€sidentin des Deutschen Bundestags den Film des GĂŒnzburger Arztes wenige Wochen spĂ€ter dem Dalai Lama geschenkt hat.

Imposant ist das Engagement Lohrs fĂŒr den Regenwald und die Orang-Utans in Borneo. Und hörenswert war auch das, was er beim „Regenwaldkino“ in Offingen im September zu sagen hatte. FĂŒr diejenigen, die an diesem Abend nicht dabei waren, veröffentlichen wir in weiten AuszĂŒgen seine eindringliche Rede. FĂŒr mich war das die „Rede des Jahres 2017“, die im Landkreis GĂŒnzburg gehalten wurde. Sie verdeutlicht, welche Auswirkungen auf uns die Zerstörung der Natur haben kann, die doch so fern der eigenen Heimat geschieht. Und sie zeigt, dass GleichgĂŒltigkeit zu keiner erstrebenswerten Lösung fĂŒhrt. Nachfolgend die Dokumentation der Rede:

„Heute möchten wir nicht nur die Faszination und Bedeutung des tropischen Regenwaldes deutlich machen – heute werden wir ZusammenhĂ€nge aufzeigen. ZusammenhĂ€nge, die nicht bequem fĂŒr uns sind. ZusammenhĂ€nge, die deutlich machen, dass diese WĂ€lder zwar weit von uns entfernt sind, wir hier in Mitteleuropa, in Bayern, in Offingen aber nichtsdestotrotz großen Einfluss auf das Schicksal dieser WĂ€lder haben beziehungsweise umgekehrt natĂŒrlich auch unser Wohlergehen vom Erhalt dieses einzigartigen Waldökoystems abhĂ€ngig ist.

„Die Schlacht wird nicht nur in unseren Herzen geschlagen“

Viele von Ihnen waren bereits GĂ€ste auf einer unserer Regenwald-NĂ€chte, die wir unter anderem. mit Diana Damrau und auch mit den Schauspielern Michael Mendl und Hannes Jaenicke durchgefĂŒhrt haben. Wir wollten unsere Zuschauer im Herzen berĂŒhren, und mit der wunderbaren und einzigartigen Diana Damrau als Botschafterin fĂŒr den Regenwald ist uns dies auch gelungen. Die Schlacht fĂŒr die Rettung des tropischen Regenwaldes, sie wird aber nicht nur in unseren Herzen geschlagen. Die entscheidende BĂŒhne fĂŒr das Schicksal des Regenwaldes ist das politische Parkett. Aber ĂŒber Naturschutz im Allgemeinen und Regenwaldschutz im Speziellen wird kaum oder gar nicht gesprochen. Wieso eigentlich? Klimawandel, Verschmutzung der Meere, globales Artensterben: Geht uns dies nichts an?

Wer in der Lage ist, mehr als ein Jahrzehnt in die Zukunft zu denken, muss erstmals in der Geschichte zu der Überzeugung gelangen, dass es jetzt ums Ganze geht. Unsere Bevölkerung, derzeit sieben Milliarden Menschen, in BĂ€lde zehn Milliarden, ist eindeutig zu groß, damit alle in Sicherheit und Wohlstand leben können. AllmĂ€hlich wird das Trinkwasser knapp, die menschlichen AktivitĂ€ten verschmutzen zunehmend AtmosphĂ€re und Meere.

Das Klima verĂ€ndert sich zuungunsten des Lebens, und fĂŒr viele, ja sehr viele Arten hat das letzte StĂŒndlein bereits geschlagen. Das sind nicht meine Worte, sondern die des bedeutendsten Biologen unserer Zeit, E. O. Wilson.

Dieser Wissenschaftler und Publizist hat in seinem jĂŒngsten Buch geschrieben, dass Naturschutz die zentrale Überlebensfrage der Art Homo sapiens ist. Um weiter mit den Worten von E.O. Wilson zu sprechen: Die menschengemachten Probleme sind global und greifen immer weiter um sich, und der Punkt, an dem es kein ZurĂŒck mehr gibt, kommt unaufhaltsam nĂ€her – Flickschusterei hilft da nicht mehr weiter. Das Wasser fĂŒr die Landwirtschaft, fĂŒr den brandgerodeten Regenwald als AnbauflĂ€che fĂŒr Sojabohnen und Palmölplantagen wird knapp; die KapazitĂ€t der AtmosphĂ€re, ĂŒberschĂŒssiges Kohlendioxid aufzunehmen, ist klar begrenzt. Die Umweltbilanz aller menschlichen AktivitĂ€ten ist negativ, die BiosphĂ€re wird immer labiler und unsere langfristige Zukunft immer ungewisser, so Wilson.

„Naturschutz ist wahrlich kein Luxusproblem“

Folgt man diesem großen Denker des 20. Jahrhunderts, ist es wahrlich kein Luxusproblem, sich mit Naturschutz auseinanderzusetzen. Oder anders formuliert: Naturschutz spielt völlig zu Unrecht ein Schattendasein in der politischen Diskussion, in der öffentlichen Wahrnehmung.

Uns Menschen kommt auf diesem Planeten eine besondere Verantwortung zu. Wir sind eine von vermutlich zehn Millionen auf diesem Planeten vorkommender Arten. Aber irgendwie hat die Evolution es gut mit uns gemeint und uns mit einem Gehirn ausgestattet, das es uns erlaubt, ĂŒber unsere Handlungen und Entscheidungen zu reflektieren. Wir können und sollten darĂŒber reflektieren, dass jede unserer Konsumentscheidungen einen Verbrauch von Umwelt und Natur bedeutet und dass wir mit jeder dieser Entscheidungen, den Lebensraum und damit die Lebens-, ja Überlebensmöglichkeit anderer Arten einschrĂ€nken oder im schlimmsten Fall auch zerstören.

Sie werden in der Dokumentation „The Final Cut“ Maja und Momo kennenlernen, zwei Waldmenschen, deren Schicksal exemplarisch dafĂŒr steht, wie ihre gesamte Art, in diesem Fall die Orang-Utans, durch die AnsprĂŒche ihrer nĂ€chsten Verwandten – uns Menschen – an den Rand der Ausrottung gedrĂ€ngt wird. Das Schicksal der Orang- Utans wiederum steht exemplarisch fĂŒr viele weitere Millionen Tier- und Pflanzenarten, die wir bereits ausgerottet haben beziehungsweise die kurz vor dem endgĂŒltigen Verschwinden stehen.

Evolutionsgeschichte am Endpunkt

Unser Planet ist einzigartig. Ein Großteil des Lebens auf unserer Erde hat seine Heimat im Kronendach des tropischen Regenwaldes. Und das wiederum bedeutet: Mit dem Untergang dieser WĂ€lder, so wie wir ihn derzeit erleben, ist ein Artensterben bisher ungekannten Ausmaßes verbunden. Jede Art ist ein Wunder an sich, sie hat sich nach einem Tausende oder auch Millionen Jahre andauernden Überlebenskampf in unsere Zeit hinĂŒbergerettet. Sie ist die Beste der Besten in ihrer jeweiligen ökologischen Nische, ist sozusagen ein wahrer Champion. Mit dem Aussterben einer Art kommt eine ruhmreiche Evolutionsgeschichte unwiderruflich und endgĂŒltig zum Stillstand. Mit dem Verschwinden einer Art werfen wir einen Teil der Erdgeschichte auf die MĂŒllhalde, ganz zu schweigen davon, dass jede dieser verlorenen Pflanzen-, Bakterien-, Pilz- oder Tierarten einen ungeahnten Nutzen fĂŒr die Menschheit haben könnte.

Jede Art ist einzigartig und mit ihrem Aussterben schließen wir das Buch der wissenschaftlichen Erkenntnis ĂŒber sie fĂŒr immer.

Die fast poetische Formulierung dieser letzten SĂ€tze stammen wiederum vom bereits erwĂ€hnten E. O. Wilson. GefĂŒhlvoller und eindrucksvoller könnte ich unsere Motivation fĂŒr den Schutz des tropischen Regenwaldes nicht beschreiben.“