„Intakte Natur ist ein Schutzwall gegen neue Pandemien“ Interview mit Dr. Dr. Bernhard Lohr

„Intakte Natur ist ein Schutzwall gegen neue Pandemien“ Interview mit Dr. Dr. Bernhard Lohr

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Bernhard Lohr im Jahr 2013 mit einem „Waldmenschen“. Das ist die Übersetzung der malaiischen Bezeichnung Orang-Utan. Lohr drehte damals mit dem Schauspieler Michael Mendl einen Film, der die Zerstörung des Lebensraums dieser Menschenaffen anprangert. Von Mendl, der heute seinen 76. Geburtstag begeht, stammt auch dieses Foto. Es ist in einem Nationalpark entstanden, in dem Orang-Utans ausgewildert werden.

„Intakte Natur ist ein Schutzwall gegen neue Pandemien“

Interview Die ökologischen Verwerfungen, die die Ausbreitung des Coronavirus erst ermöglicht haben, kommen in der hektischen Diskussion um Impfstoffe und Hygieneregeln unter die Räder. Das meint der Günzburger Biologe und Arzt Bernhard Lohr. Höchste Zeit also, darüber zu sprechen

Herr Lohr, seit über 20 Jahren setzen Sie sich für den Schutz tropischer Regenwälder ein mit dem Ziel, vor allem einen Beitrag zum Erhalt der globalen Artenvielfalt zu leisten. Nun scheint die Menschheit von den Folgen der Plünderung eingeholt zu werden, denn eine Vermutung lautet, dass dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 in den sogenannten Wet-Markets der chinesischen Stadt Wuhan der Übertritt vom Tier auf den Menschen gelungen ist.

Bernhard Lohr: Meine Motivation für den Schutz der Vielfalt des Lebens auf der Erde entspringt vor allem der Faszination für den Prozess der Evolution, also der Entstehung des Lebens. Nur hier auf diesem kleinen Planeten, einer unter Milliarden im Universum, ist aus unbelebter Materie Leben entstanden. Das an sich ist schon unglaublich, aber noch viel unfassbarer ist, welche ungeheure Vielfalt aus den ersten Anfängen des Lebens vor circa vier Milliarden Jahren entstanden ist. Mir tut es in der Tat um jede Art weh, die verschwindet, weil wir Menschen ihren Lebensraum vernichten. Mit jeder ausgestorbenen Art verschwindet ihr einzigartiger Genpool – und das für immer. Dass dadurch der Menschheit ungeahnte Wirkstoffe für neuartige Medikamente, neue Nahrungspflanzen oder sonstige wertvolle Inhaltsstoffe verloren gehen, kommt für mich erst an zweiter Stelle. Aber, um auf Ihre Frage zurückzukommen: Hätte man erwarten können, dass eine durch Zoonosen übertragene Infektionskrankheit in einer Pandemie mit solcher Wucht auf die Menschheit zukommt, dann lautet die Antwort: Ja, man hätte es wissen können. Natürlich nicht den genauen Zeitpunkt, aber es gibt genügend Beispiele für Erreger, denen der Übergang vom Tier auf den Menschen gelungen ist, wodurch Pandemien ausgelöst wurden. Und es gab auch hochrangige warnende Stimmen. Bereits 2009 wurde im renommierten Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht, dass sich der Übergang von ansteckenden, epidemischen Krankheiten vom Tier auf den Menschen in den vergangenen 40 Jahren verdreifacht hat. Im Jahr 2007, als gerade die erste Sars-Epidemie überstanden war, warnten Forscher aus Hongkong vor der Tatsache, dass Fledertiere ein großes Reservoir an Viren in sich tragen und der Tradition im südlichen China, exotische Säugetiere zu essen. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis diese „Zeitbombe“ hochginge. Auch unser Verein Faszination Regenwald hat bereits im Jahr 2002 in Günzburg und in Ulm eine Veranstaltung zu dieser „Bushmeat-Thematik“ gemacht. Unser damaliger Hauptredner Dr. Johannes Refisch, heute Leiter des Menschenaffenprogramms bei den Vereinten Nationen, hat damals unter anderem ausgeführt, dass der ungehemmte Verzehr von Wildfleisch auch das Risiko für die Übertragung von Krankheitserregern von Wildtieren auf den Menschen deutlich erhöht.

Als Biologe und Arzt haben Sie sich mit Vorgängen in der Natur und auch mit Krankheiten auseinandergesetzt. Können Sie uns den Begriff der Zoonose erklären und deutlich machen, wie es dadurch zum Ausbruch von Infektionskrankheiten kommen kann?

Lohr: Zoonosen sind nichts anderes als vom Tier auf den Menschen und umgekehrt übertragene Infektionskrankheiten. In Fledermäusen hat man 200 unterschiedliche Viren gefunden, die diese Säugetiere allerdings nicht krank machen. Simone Sommer, Professorin für Tierökologie an der Universität Ulm, erklärt dies unter anderem dadurch, dass Fledermäuse evolutionär schon immer unter einem hohen Selektionsdruck standen und dadurch ein sehr effizientes Immunsystem ausgebildet haben. Das menschliche Immunsystem ist an diese Erreger nicht angepasst und reagiert dann oft mit überschießenden Reaktionen, die bis zum Tod des Patienten führen können. In ihren Studien an Fledermäusen und Nagetieren in Panama konnte Frau Sommer auch nachweisen, dass Umweltzerstörung und der dadurch verursachte Verlust an Artenvielfalt die Infektionswahrscheinlichkeit von Wildtieren auf den Menschen und umgekehrt steigen lässt.

Können Sie uns erklären, woran dies liegt?
Lohr: In intakten Regenwäldern kommt es nicht zur Massenvermehrung von Tierarten, die einzelnen Arten halten sich sozusagen gegenseitig in Schach. Kommt es zu Wald- zerstörungen, kommen einzelne Tierarten damit besser zurecht und vermehren sich massenhaft und mit ihnen auch ihre Erreger. Durch die Wilderei und die Wildtiermärkte kommen sich Mensch und Erreger immer näher und die heutige, nahezu unbegrenzte Mobilität sowie riesige Menschenansammlungen in den urbanen Zentren dieser Welt begünstigen natürlich das Entstehen von Pandemien. Kurz gesagt: Bevölkerungswachstum, Naturzerstörung, Artensterben und der globale Klimawandel begünstigen Zoonosen, sprich die Übertragung von Krankheitserregern von Tieren auf den Menschen. Die beiden renommierten Umweltforscher Joachim Spangenberg und Josef Settele bringen es auf den Punkt, indem sie deutlich machen, dass die Wahrscheinlichkeit von Pandemien mit zunehmender Vernichtung von Ökosystemen und Verlust an Biodiversität steigt, zudem die große Mehrheit der Krankheitserreger noch gar nicht bekannt ist.

Wilderei und Wildfleisch-Märkte sind in Europa kein Thema. Können wir uns dementsprechend freisprechen von der Verantwortung der globalen Pandemie?

Lohr: Die größte Pandemie der jün- geren Menschheitsgeschichte, die Spanische Grippe vor rund 100 Jah- ren mit geschätzt mehr als 50 Millionen Toten, ist von einem Influenza- Erreger ausgegangen, der nach den derzeitigen Erkenntnissen vom Schwein auf den Menschen übergegangen ist, was auch bei der Schweinegrippe-Epidemie im Jahr 2008 mit ungefähr 18 000 Toten der Fall war. Nicht umsonst sieht der bekannte Virologe Christian Drosten den Fleischhunger der Menschheit und die Massentierhaltung in einer Schlüsselrolle bezüglich von Zoonosen.

Wäre eine Alternative die Forderung des US-amerikanischen Wissenschaft- lers Professor Scott Galloway, die Fledermausbestände zu limitieren? Der nächste Schritt wäre die Ausrottung, damit diese Säugetiere als Reservoir für Krankheitserreger ausfallen.

Lohr: Nicht nur, dass ich die Forderung, Lebensformen nur zum eigenen, also zum vermeintlichen Wohle der Menschheit, stark zu dezimieren, für höchst unmoralisch halte, so offenbart diese Forderung genau jenes Denkmuster, das zutiefst meiner und der Überzeugung unseres Vereins widerspricht: Die Erde ist nicht nur für die Art Homo sapiens da. Wir Menschen sind auch nicht die Krönung der Evolution, sondern eine von geschätzt zehn Millionen auf unserem Planeten vorkommen- den Arten – wenn auch eine Art, der eine ganz besondere Verantwortung zukommt. Unabhängig davon müsste man dann nicht nur Fledermäuse konsequenterweise ausrotten, sondern viele weitere Tiergruppen ebenso. Es waren bislang vor allem Vögel, Nagetiere oder Primaten und – nicht zu vergessen – Insekten, die die meisten großen Pandemien ausgelöst haben. Wollten wir diese Tiere alle ausrotten, was natürlich rein technisch gar nicht machbar wäre, so würde es in Folge für uns Menschen dann doch ziemlich einsam werden auf diesem Planeten. Die Forderung muss also genau anders herum lauten: Wir müssen der Natur wieder mehr Raum lassen, wir müssen aufhören, in die letzten noch intakten Naturräume der Erde einzudringen. Wir müssen vermeiden, dass wir in Kontakt mit Krankheitserregern kommen, auf die unser Immunsystem keine Antwort hat. Wir müssen aufhören, durch massenhaften Antibiotikaeinsatz in der Massentierhaltung antibiotikaresistente Keime zu züchten, durch die in Europa jährlich circa 33 000 Menschen ihr Leben verlieren. Es wird höchste Zeit, dass wir den Umgang mit unseren Mitgeschöpfen überdenken, wenn schon nicht aus Mitgefühl, dann wenigstens aus Eigennutz.

Und wenn das nicht geschieht?

Lohr: „Wenn wir so weitermachen, sterben wir aus.“ So formuliert es der Botanik-Professor Stefano Manusco, nachzulesen in einem aufschlussreichen Interview mit der Augsburger Allgemeinen vor gut einer Woche. Mehr Eigennutz als den Erhalt unserer Art zu sichern, geht nicht. Das ist aus seiner Sicht nur möglich, wenn wir Menschen verstehen, dass der Homo sapiens ein Teil der Natur ist. Unser Leben als Spezies ist nur garantiert, wenn das Überleben anderer Arten sicher ist.

Was ist dann aus Ihrer Sicht zu tun?

Lohr: Um das Risiko für weitere Pandemien zu minimieren, gilt es in erster Linie, nicht weiter in noch intakte Naturräume vorzudringen, damit Tiere ihre natürlichen Rückzugsräume behalten. Eine intakte Natur ist ein Schutzwall gegen neue Pandemien. Aus meiner Sicht reicht es aber nicht, nur mit dem Finger auf China oder Afrika zu zeigen und dort Wildtiermärkte zu verbieten, was natürlich unzweifelhaft sinnvoll wäre. Die Diskussionen rund um das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ haben gezeigt, in welch erbarmungswürdigem Zustand auch die Natur vor unserer eigenen Haustüre ist. Unsere Umweltministerin Svenja Schulze hat es auf den Punkt gebracht, indem sie sagt: „Die Naturschutzkrise ist die Krise hinter der Corona-Krise.“ Damit hat sie natürlich völlig recht. Und deshalb gilt es, unabhängig von den Maßnahmen, die derzeit zum Schutz der Bevölkerung ergriffen werden, grundlegende Änderungen in der Agrar- und Umweltpolitik vorzunehmen. Aus meiner Sicht muss der Schutz von natürlichen Lebensräumen bei uns, in den Tropen und in den Weltmeeren oberste Priorität bekommen.

Interview: Till Hofmann
Bernhard Lohr, 56, ist promovierter Biologe und Humanmediziner. Er wohnt in Günzburg und praktiziert in der Rheumaklinik Oberammergau. Lohr zieht als Kommunalpolitiker für die Grünen sowohl in den neuen Günzburger Stadtrat als auch in den Kreistag ein.

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Vieles deutet darauf hin, dass der Ursprung der Corona-Pandemie der Huanan Wet-Market in Wuhan war. Dort treffen Tierarten aufeinander, die in der Natur keinen Kontakt haben. Das Symbolfoto stammt allerdings aus der südchinesischen Stadt Yulin – dort wurde im Juni 2016 ein Hundefleisch-Festival gefeiert. Foto: Wu Hong/dpa

Arten- und Naturschutz nicht nur in den Tropen

06.11.2020

Lohr fragt nach den Ursachen der Pandemie

Grünen-Politiker fordern ein Ende der ungehemmten Naturzerstörung

Weiter zu denken, als bis zum nächsten Lockdown, das fordert der Vorsitzende des Günzburger Regenwaldvereins, Bernhard Lohr. So wichtig ein Diskurs über die richtigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie ist, so wichtig wäre es auch über die Ursachen der Pandemie nachzudenken.

Bereits mehrfach hat der Biologe und Arzt darauf aufmerksam gemacht, dass die Ursachen der Pandemie in einer ungehemmten Natur- und Regenwaldzerstörung liegen. Bestärkt sieht sich Lohr in dem neuesten Bericht des Weltbiodiversitätsrates, der deutlich macht, dass im Tierreich noch circa 850000 potenziell gefährliche Erreger schlummern könnten. Diese seien für den Menschen ungefährlich, solange man nicht weiter in den Lebensraum dieser Mikroorganismen, vor allem den tropischen Regenwald, eindringe. Es gelte den Kontakt zwischen potenziellen Krankheitserregern und dem Menschen zu verringern. Die Hauptursache für die fortschreitende globale Naturzerstörung ist die industrialisierte Landwirtschaft, wird in den aktuellen Berichten des Weltbiodiversitätsrates und der deutschen Akademie der Naturforscher deutlich gemacht. Kurt Schweizer, Co-Vorsitzender des Vereins Faszination Regenwald und zugleich Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag, fordert: „Es muss schleunigst einen Kurswechsel in der Agrarpolitik geben.“

Er sieht sich in seinem Anliegen durch ein aktuelles Gutachten der deutschen Akademie der Naturforscher bestätigt. Die Wissenschaftler fordern eine neue Agrarpolitik und stellen fest: „Die Situation ist dramatisch.“ Die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft nehme stark ab, „was in Zukunft ernsthafte Folgen für die Funktionsfähigkeit der Agrarökosysteme und für das Wohlergehen des Menschen zur Folge haben dürfte“, zitiert Schweizer aus einer Vorabveröffentlichung des Berichtes zu „Biodiversität und Management von Agrarlandschaften“. Natur- und Artenschutz sind aber nicht nur in den Tropen wichtig, sondern auch in unserer Heimat. So zeigt sich Lohr, der auch Stadtrat der GBL/Die Grünen in Günzburg ist, enttäuscht darüber, dass in der jüngst vorgenommenen Verpachtung der landwirtschaftlichen Flächen der Stadt Günzburg nicht deutlich mehr ökologische Aspekte mit eingeflossen sind. (zg)

https://www.augsburger-allgemeine.de/guenzburg/Lohr-fragt-nach-den-Ursachen-der-Pandemie-id58491771.html

 

Menschheit vernichtet Unwiederbringliches

Menschheit vernichtet Unwiederbringliches

„Menschheit vernichtet Unwiederbringliches“Natur Seit 1989 wird am 14. September auf die Zerstörung der Tropenwälder hingewiesen. Das tut der Günzburger Verein Faszination Regenwald ständig. Vorsitzender Bernhard Lohr und der befreundete Schauspieler Michael Mendl ziehen Bilanz

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Bernhard Lohr (links) und Michael Mendl vor sieben Jahren bei Dreharbeiten zum zweiten gemeinsamen Dokumentarfilm über Regenwälder. Damals waren der Günzburger Biologe und der in Berlin lebende Schauspieler auf Borneo. Jetzt ziehen sie Bilanz – nach zuletzt aufrüttelnden Berichten der Leopoldina und des WWF. Archivfoto: Jens Wolf

VON TILL HOFMANN

Günzburg Um die biologische Vielfalt war es noch nie so schlecht bestellt wie heute. Das ist das alarmierende Fazit des sogenannten Living Planet Report, den die Natur- schutzorganisation WWF vor wenigen Tagen veröffentlicht hat. Da nach gibt es in einem Zeitraum von 46 Jahren (die Werte beziehen sich auf die Jahre von 1970 bis 2016) 68 Prozent weniger Säugetiere, Repti- lien, Vögel oder auch Fische.

Bernhard Lohr, der Vorsitzende des Vereins Faszination Regenwald, warnt schon lange vor der Zerstörung der Tropenwälder, auf die seit über 30 Jahren am 14. September besonders hingewiesen wird.

Im Schatten der Corona-Krise steigen die Abholzungsraten in Amazonien „leider dramatisch weiter an“, bedauert er. Und auch in den Diskussionen um den Klimawandel, die vor Corona verstärkt geführt worden sind, „kommt das Artensterben zu kurz. Dabei hängen Artenvielfalt, Klimawandel und Abholzung der Regenwälder ja unmittelbar zusammen“, sagt Lohr.

Mit dem befreundeten Schauspieler Michael Mendl macht er zum heutigen Tag der Tropenwälder darauf aufmerksam, „dass sich der Planet durch den Artenschwund deutlich schneller verändern wird als durch ein sich wandelndes Klima.“ Der promovierte Biologe und Arzt Lohr und Charakterdarsteller Mendl fordern, das Artensterben zu stoppen – regional und global. Es müsse einen radikalen Kurswechsel im Umgang mit der Natur geben. Sie berufen sich dabei auf ein Diskussionspapier der Nationalen Aka-

Das Artensterben betrifft nicht nur die Tropendemie der Wissenschaften, Leopoldina, vom Mai. Darin werden für Deutschland eklatante Versäumnisse beim Artenschutz beschrieben.

Mendl wird emotional, als er feststellt: „Seit knapp 20 Jahren setze ich mich gemeinsam mit dem Günzburger Verein Faszination Regenwald dafür ein, dass endlich wahrgenommen wird, dass mit der Vernichtung der tropischen Regenwälder ein bisher nicht gekanntes Artensterben einhergeht.“

2003 bereits haben Lohr und Mendl in ihrem ersten gemeinsamen Film thematisiert, dass Deutschland durch den Import von Soja-Futtermitteln für die Massentierhaltung indirekt für die Rodung von einer Million Hektar tropischen Regen- waldes mit verantwortlich ist. Bestätigt sieht sich Mendl durch den Bericht der Leopoldina, der ein düsteres Bild über den Zustand der Erde aufzeigt. Demnach sind rund eine Million der acht Millionen auf der Erde vorkommenden Arten in ihrer Existenz bedroht. Das Artensterben betrifft aber bei Weitem nicht nur die Tropen, zeigt sich der Schauspieler bestürzt: „Auch hierzulande befinden sich 69 Prozent der Lebensräume in einem beklagenswerten Zustand.“

Bei seinen Besuchen in Günzburg falle ihm immer wieder auf, „dass es kaum noch blühende Wiesen gibt. Auf den meisten Flächen wird intensive Landwirtschaft betrieben.“ Dies gelte natürlich nicht nur für Bayerisch-Schwaben, sondern für große Teile Deutschlands.

Da sei es kein Wunder, dass die Biomasse an Insekten und in Folge die Zahl und Vielfalt an heimischen Vögeln immer weiter abnehme, so der Schauspieler weiter. „80 Prozent des Biodiversitätsverlustes gehen auf die intensive Landwirtschaft zurück“, zitiert Lohr aus dem Bericht der Leopoldina. Medien produzierten in den vergangenen Wochen und Monaten als Reaktion auf die wissenschaftlichen Beobachtugen vermehrt Schlagzeilen. „Mehr als 500 Landwirbeltiere akut bedroht“ und „Umweltschützer beklagen massiven Urwaldverlust“, waren, wie Lohr erwähnt, zwei Berichte auf Spiegel online am 3. Juni überschrieben. Am selben Tag verlieh die Bild-Zeitung dem tropischen Regenwald den Titel „Verlierer des Tages“.

Wenige Tage zuvor hatte der Günzburger Grünen-Stadtrat und Kreisrat Lohr am Bahnhofs-Kiosk die Ausgabe von National Geographic gekauft, die auf ihrer Titelseite ein Potpourri an unterschiedlichen Insekten zeigt und in großen Lettern feststellt: „Wir werden sie vermissen, wenn sie alle gegangen sind.“

„Wenn es nicht viel zu traurig wäre, könnte ich sagen: Endlich wird das wahrgenommen, was wir seit vielen Jahren in Vorträgen, Filmen und Veranstaltungen immer wieder versucht haben, deutlich zu machen: Nämlich dass mit dem durch Menschen verursachten globalen Massensterben von Tier- und Pflanzenarten das verspielt wird, was unsere kleine Erde so einzigartig macht. Und diese Einzigartigkeit ist nun mal die Vielfalt des Lebens! Mit dem Schauspieler Michael Mendl habe ich zwei Regenwald-

Filme gedreht, einzig mit dem Ziel, zu veranschaulichen, dass mit der Vernichtung der tropischen Regenwälder ein wahnsinniger Verlust an Artenvielfalt einhergeht.“

Bernhard Lohr stellt sich die Frage, warum die ganze Mühe von ihm, seinen Stellvertretern im Verein, Birgit Fahr und Kurt Schweizer, und Michael Mendl überhaupt betrieben wird? „Birgit ist Lehrerin, Kurt Personalmanager, Michael Schauspieler und ich Arzt. Wir verdienen unsere Brötchen mit oder ohne Regenwald, könnte man meinen. Was uns eint, ist der Gedanke, dass die Menschheit derzeit Unwiederbringliches vernichtet, dessen Entwicklung Jahrmilliarden gedauert hat. Eine einmal ausgestorbene Art kann durch keine Macht des Universums wieder zurückgeholt werden.“

Michael Mendl zieht eine ernüchternde Bilanz: „Früher war ich hoffnungslos. Ich bin es noch zum größten Teil“, sagt er am Telefon zu unserer Zeitung. Wenn man erlebe, wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro mit den Regenwäldern in seinem Land umgehe, bleibe nur noch Furcht und Ohnmacht. „In vier Jahren werde ich 80, dann habe ich mehr als zwei Drittel meines Lebens hinter mir – und die Folgen der Zerstörung könnten mir egal sein“, sagt er und fährt fort: „Aber weinen darf ich bis zu meinem Tode und die Tränen meinen Kindern weitervererben.“ »Kommentar

Naturschutz, Wissenschaft und ein Charakterdarsteller

● WWF Die drei Buchstaben stehen für „World Wildlife Fund“. Die Stiftung wurde 1961 in der Schweiz gegründet. Die Organisation hat den internationalen Tag des Tropenwaldes erstmals 1989 initiiert. Am 14. September deshalb, weil das der Geburts- tag des Naturgelehrten und Forschungsreisenden Alexander von Humboldt (1769-1859) ist.

● Leopoldina Die 1652 gegründete Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina ist mit ihren rund

1600 Mitgliedern aus nahezu allen Wissenschaftsbereichen eine klassische Gelehrtengesellschaft. Sie wurde
2008 zur Nationalen Akademie der Wissenschaften Deutschlands ernannt. In dieser Funktion hat sie zwei besondere Aufgaben: Zum einen die Vertretung der deutschen Wissenschaft im Ausland und zum anderem die Beratung von Politik und Öffentlichkeit. ● Michael Mendl Der Charakterdarsteller („Schlafes Bruder“, „Der Untergang“) ist im April 1944 in Lünen

(Nordrhein-Westfalen) geboren und lebt in Berlin. Er hat drei Kinder. In Zu- sammenarbeit mit dem Günzburger Bernhard Lohr entstand 2007 die WDR-Dokumentation „Mein Leben
am seidenen Faden“ über den weitge hend noch intakten Regenwald in Französisch-Guayana. Das genaue Gegenteil fanden die Beiden jedoch
sechs Jahre später auf der Insel Borneo vor. „The Final Cut“ hat dann aber nicht mehr das Interesse der Fernsehsender geweckt. (ioa)

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Kommentar

Es trifft natürlich auch uns
VON TILL HOFMANN

till.hofmann@guenzburger-zeitung.de

Die Digitalisierung hat die Welt revolutioniert. Innerhalb weniger Sekunden sind Informationen über im All platzierte Satelliten ausgetauscht. Geldströme fließen ebenso beständig wie der Jet-stream weht – aber eben viel schneller.

Die Erde macht dieses Tempo nicht mit. Und dennoch ändert sie sich – offenbar nicht zum Vorteil der Tier- und Pflanzenarten, deren Vielfalt erheblich abgenommen hat. Der Klimawandel trägt dazu bei. Und die sehr häufig durch Brandrodung dezimierten Regenwälder befeuern dies wiederum: Die grüne Lunge wird zur verkohlten Lunge.

Ein entspanntes Zurücklehnen mit dem Hinweis, dass dies ja weit, weit weg von uns geschehe, ist nicht hilfreich. Auch hierzulande, stellen Naturschutzexperten und Wissenschaftler fest, leidet der Artenreichtum.

Andere invasive Arten werden eingeschleppt. Die klimatischen Bedingungen sind passend für die Ankömmlinge. Fürchterlich erfolgreich breiten sie sich in ihrem neuen Lebensraum aus. Angestammte Tierarten werden verdrängt, Bäume und Pflanzen sind chancenlos. Ein Blick in den Süden des Landkreises genügt. Im Gemeindebereich Ziemetshausen wurde im Oktober 2014 erstmals der Befall von Bäumen durch den Asia- tischen Laubholzbockkäfer festgestellt. Plötzlich war Ostasien im Kreis Günzburg angekommen.

 

 

 

Endlich Recht behalten?

„Mehr als 500 Landwirbeltiere akut bedroht“ und „Umweltschützer beklagen massiven Urwaldverlust“, das waren die zwei Schlagzeilen, die mir bei meinem täglichen morgendlichen Ritual, dem Durchforsten der Spiegel-online-Schlagzeilen, am 03. Juni 2020 ins Auge gesprungen sind. Am selben Tag verlieh die Bild-Zeitung dem tropischen Regenwald den Titel des „Verlierer des Tages“. Wenige Tage zuvor hatte ich am Bahnhofs-Kiosk die Ausgabe von National Geographic gekauft, die auf ihrer Titelseite ein Potpourri an unterschiedlichen Insekten zeigt und in einer großen Schlagzeile feststellt: „Wir werden sie vermissen, wenn sie alle gegangen sind“.  Wenn es nicht viel zu traurig wäre, könnte sich in mir der Gedanke hochschleichen: Endlich wird das wahrgenommen, was du seit vielen Jahren in Vorträgen, Filmen und Veranstaltungen immer wieder versuchst deutlich zu machen, nämlich dass mit dem durch uns Menschen verursachten globalen 6. Massensterben von Tier- und Pflanzenarten das verspielt wird, was unsere kleine Erde so einzigartig macht. Und diese Einzigartigkeit ist nun mal die Vielfalt des Lebens!

Seit knapp 20 Jahren setze ich mich gemeinsam mit meinen Vorstandskolleg*innen Birgit Fahr und Kurt Schweizer in unserem Verein Faszination Regenwald e.V. für den Erhalt des tropischen Regenwaldes ein. Mit dem bekannten deutschen Schauspieler Michael Mendl habe ich zwei Regenwald-Filme gedreht, einzig mit dem gemeinsamen Ziel zu veranschaulichen, dass mit der Vernichtung der tropischen Regenwälder ein wahnsinniger Verlust an Artenvielfalt einhergeht!

Wieso aber die ganze Mühe? Birgit ist Lehrerin, Kurt Personalmanager, Michael Schauspieler und ich Arzt. Wir verdienen unsere Brötchen mit oder ohne Regenwald, könnte man meinen. Was uns eint, ist der Gedanke, dass die Menschheit derzeit Unwiederbringliches vernichtet. Unwiederbringliches, dessen Entwicklung Jahrmilliarden gedauert hat. Der Verlust ist nie wiedergutzumachen. Eine einmal ausgestorbene Art kann durch keine Macht des Universums wieder zurückgeholt werden.

Kurzum, die Schlagzeilen des 03.06.2020 stimmen uns sehr traurig, weil wir seit 20 Jahren auf die Dramatik des Artenverlusts hinweisen.

Wir wollten nicht Recht behalten!

Bernhard Lohr (ebenfalls im Namen von Michael Mendl, Birgit Fahr und Kurt Schweizer)

 

https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/brasilien-am-staerksten-betroffen-umweltschuetzer-beklagen-urwaldverlust-a-bd5b20c0-4917-45c8-91d3-ba4138465cc9

https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/biodiversitaet-mehr-als-500-landwirbeltier-arten-akut-bedroht-a-bb7208db-3dcf-4cb3-b8d8-e0ee40343484

https://magazin.spiegel.de/SP/2020/22/171037358/index.html

Kurzfilm „Lektion der Unvernunft“ über eine Reise zu den Orang-Utans Borneos.

Ein Baum der fällt macht mehr Lärm als einer ganzer Wald der wächst„. Mit dieser tibetanischen Weisheit beginnt der Film „Lektion der Unvernuft“ des Chirurgen Dr. Uwe Jordan über eine Reise zu den Orang-Utans Borneos. Der 15-minütige Film endet mit den nachdenklichen Worten seines Kollegen Dr. Thomas Hardtmuth: „Wir brauchen heute einmal eine Denkweise, die hinausreicht über unseren eigenen Tellerrand“.  Die beiden Oberärzte für Chirurgie haben ihre Erlebnisse und Impressionen einer gemeinsamen Borneo Reise in einem eindrucksvollen 15-minütigen Filmdokument verarbeitet.
Was sind die tieferen Gründe für das Aussterben der Orang-Utans, wieso gibt es auf der Erde anscheinend nur Platz für die Art Homo sapiens und wenige seiner Kulturpflanzen in riesigen Monokulturen und Milliarden an Zuchttiere in Massentierhaltung? Thomas Hardtmuth geht mit nachdenklichen Gedanken und Worten zu den Bildern von Uwe Jordan den Ursachen für die anhaltende Naturzerstörung auf den Grund.
Siehe Youtube Kanal Verein Faszination Regenwald:
Günzburger Zeitung zur zweiten Ausgabe von „Quo vadis – Leben“ am 28.09.2019

Günzburger Zeitung zur zweiten Ausgabe von „Quo vadis – Leben“ am 28.09.2019

https://www.augsburger-allgemeine.de/guenzburg/Klimawandel-Jeder-Einzelne-muss-sein-Verhalten-ueberpruefen-id55573621.html

Günzburg

30.09.2019

Klimawandel: Jeder Einzelne muss sein Verhalten überprüfen

Klimawandel und Artensterben schreiten rasant vor. Was muss getan werden, um den Planeten und damit die Menschheit zu retten? Darüber wurde bei einer Veranstaltung des Günzburger Vereins Faszination Regenwald diskutiert.
Bild: Greta Kaiser

Eine Expertenrunde in Günzburg warnt davor, dass der Menschheit nicht mehr viel Zeit bleibt, um in Sachen Klimaschutz umzusteuern.

Vergnüglich war der Abend nicht. Dafür lehrreich und aufrüttelnd. Ging es doch um die zentrale Frage dieser Tage: Wie kann die Menschheit angesichts von Klimawandel, Umweltzerstörung und Artensterben überleben? Und es ging um die Frage, was Politik, Gesellschaft und jeder Einzelne tun können und tun müssen, um auf der Erde zu retten, was noch zu retten ist. Viel Zeit bleibt nicht mehr. Werde nicht Grundlegendes geändert, könnte es schon in wenigen Jahren zu spät sein. Noch könne umgesteuert werden. Zum Nulltarif und ohne Einschnitte aber sei das nicht zu haben. Das war das Fazit einer Expertenrunde, zu der am Samstagabend der Günzburger Verein Faszination Regenwald ins Wasserburger Sportheim geladen hatte.

„Wir stehen vor einem Artensterben unbekannten Ausmaßes“, erklärte eingangs der Vereinsvorsitzende, der Günzburger Arzt und Biologe Bernhard Lohr. „Verursacht nicht wie früher durch Naturkatastrophen, sondern durch den Menschen.“ An den Menschen liege es also, nicht zuletzt der „rücksichtslosen Plünderung der Ressourcen mit ihren vielfältigen Folgen“ Einhalt zu gebieten. Das aber sei nur möglich, wenn auch „unbequeme Wahrheiten“ zur Kenntnis genommen würden.

Wenn ein Ökosystem kippt, dann kippen auch andere

So etwas wie Symboltiere für das Artensterben sind Affen, Bären oder Nashörner. Auch sie sind Teil komplexer ökologischer Systeme. Mindestens ebenso wichtig sind kleinste Tiere in Wald und Flur, in Flüssen und Meeren. „Sie sind die Lebensgrundlagen“, erklärte Prof. Michael Schrödl von den Zoologischen Staatssammlungen in München. Gehe das schleichende Artensterben rund um den Globus im bisherigen Maße weiter, werde das auch für die Menschen hierzulande gravierende Folgen haben – in Form von anhaltenden Hitze- und Dürreperioden, Überschwemmungen und Stürmen. Der Artenforscher: „Kippt ein Ökosystem, kippen auch andere.“

In Bayern leben nach Angaben Schrödls mindestens 40 000 Tierarten. 30 bis 40 Prozent seien akut gefährdet oder kurz vor dem Aussterben. Verursacht nicht zuletzt durch die intensive Landwirtschaft und eine ebensolche Forstwirtschaft. Weltweit sind etwa 1,5 Millionen Tierarten bekannt, vermutlich gebe es um die 100 Millionen. „Sie werden aussterben, noch ehe sie bekannt oder erforscht sind“, betonte Schrödl. Vor allem in den Regenwäldern, die zugunsten billigen Fleisches oder des Palmöls immer stärker gerodet werden.

Das von der Bundesregierung verabschiedete Klima-Paket reiche „hinten und vorne“ nicht. Es müsse deutlich mehr geschehen. Und jeder müsse sein Konsumverhalten überprüfen: weniger Fleisch, weniger fliegen, weniger Auto fahren und weniger Plastik. Bei alldem gehe es längst nicht mehr um die Lebensgrundlagen der Enkel oder noch späterer Generationen. Es gehe um das Hier und Heute.

Lehrerin Verena Brunschweiger erntete für ihr Buch heftige Kritik

Heftige Reaktionen hatte die promovierte Lehrerin Verena Brunschweiger mit ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos“ ausgelöst. Der Verzicht auf (viele) Kinder sei der „größtmögliche individuelle Beitrag“ zur Rettung des „im Sterben liegenden Planeten“, erklärte sie. In den Entwicklungsländern müsse der Zugang zu Verhütungsmitteln verbessert werden. Tatsache aber sei, dass ein deutsches oder europäisches Kind das 30-fache eines afrikanischen Kindes verbrauche. Bei der Familienplanung sei sehr wohl die Frage zu stellen: In welcher Welt werden die Kinder leben?

Benni Over sitzt im Rollstuhl. Er leidet an Muskelschwund, hatte vor Jahren einen Herzstillstand, er braucht ein Beatmungsgerät und das Sprechen fällt ihm schwer. Der 29-Jährige hätte also andere Probleme, als sich um den Schutz der Orang-Utans auf Borneo zu kümmern. Doch genau das tut er zusammen mit seinen Eltern.

Benni Over engagiert sich für Orang-Utans auf Borneo

Vater Klaus Over berichtete, dass aus der ersten Faszination für die Waldmenschen genannten Affen längst ein umfassendes Naturschutzprojekt mit Büchern, Filmen und bis zu 40 Veranstaltungen pro Jahr an Schulen, Universitäten und anderen Einrichtungen geworden ist. Je mehr er über die dramatische Lage des Planeten wisse, desto häufiger denke er: „Was machen wir für eine Scheiße?“

Die von Bernhard Lohr und Birgit Fahr moderierte Diskussion endete mit einem versöhnlichen Ausblick. Kinder und Jugendliche seien mit ihrem erkennbar veränderten Bewusstsein die Hoffnung, erklärte Michael Schrödl. Es müsse gelingen, etwa „Fridays for Future“ zur Massenbewegung zu machen. „Dann ist noch was zu retten.“